Interview mit Sophie Lindner

Projekt/Anlassartemak+X / Informationen zu Materialien und Techniken der Künstlerin Sophie Lindner
Interview mit          Sophie Lindner (SL)
Geführt von       Jonathan Debik (JD)
 Sarah Giering (SG)
OrtAtelier der Künstlerin in Dresden
Datum01.05.2019
Anmerkungen

Nach Interview-Ende kam noch eine Folgebemerkung der Künstlerin. Sie konnte durch Schnitt direkt in das Interview eingearbeitet werden (bei 29:26).

Transkript

Jonathan Debik, Sarah Giering (Transkription, Korrekturen)
Sophie Lindner (Korrektur und Überarbeitungen)

Symbole(…)= Pause ab 3 Sek.
 (Text)= Beschreibung Mimik und Gestik
 /= Abbruch eines Satzes
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Techniken

Film & Video Fotografie Siebdruck Zeichnung

Materialien

Acrylfarbe Aluminium Aluminiumfolie Folie, unbestimmt Holz, unbestimmt Kunststofffolie Lack, unbestimmt Papier, aluminiumbeschichtet Papier, unbestimmt Pigment, unbestimmt PVC-Weichfolie Seidenpapier Seil/Schnur/Kordel Wachs, unbestimmt

JD: Wir sitzen ja grad vor einem Werk von dir und da fänden wir es schön, wenn du einfach mal beschreibst, was du selber siehst, wenn du dein eigenes Werk betrachtest. Hat es schon einen Titel, ist es schon fertig?

SL: (das Werk betrachtend) Ja, es ist fertig, es hat einen Titel. Der Titel ist genau der, den man jetzt hier auf der Folie selber sehen kann, nämlich „hinab gefallene Saturnmonde“. Und was sehe ich selbst? Also, was mir natürlich als erstes auffällt ist, dass diese Arbeit ein Versuch war - wie auch viele andere Arbeiten von mir, die jetzt mit diesen Plastikfolien gemacht sind - sozusagen die Inhalte meiner Motive mit dem Material selber, auf ein gleiches, oder ähnliches inhaltliches Level zu bringen, dass es so eine Art Symbiose gibt. Das sehe ich vor allem zuerst. Und ich bin jedes Mal natürlich auch geblendet von dem Material selbst, von der Oberfläche. Ich sehe sofort dieses Schimmern und dieses Glänzen und das Kleben. Das Hängen vor allem, etwas was leicht ist, was aber durchs Hängen automatisch sehr, sehr schwer wird mit der Zeit.

SG: Also eine Veränderung die dann noch eintritt?

SL: Ja, definitiv. Auf jeden Fall. Ich hab's euch ja vorhin schon kurz gezeigt, dass ich inzwischen auch öfters so arbeite, dass ich nicht nur eine Folie habe, sondern zwei. Die sind übereinander und idealerweise sollen die jetzt eigentlich nicht aneinander pappen, sondern die sollen Luft haben. Und da ist dann schon noch immer ein Prozess. Ich lüfte die Folien und dann sind sozusagen auch diese Farbüberlagerungen - sodass auch Leichtigkeit da ist - das, was ich eigentlich erreichen will. Und ich muss das aber eben auch regelmäßig machen, also das Material arbeitet schon auch für sich sehr stark.

JD: Soll man das als Besucher auch machen? Also gehört dieses Lüften dazu, zum Konzept, oder zum Werk?

SL: Es gehört vielleicht nicht dazu, wenn es klassisch ausgestellt wird. Aber wo es tatsächlich mit dazu gehört - dann ist es aber nicht so, dass vielleicht ein Besucher oder eine Besucherin das macht - ist, dass ich mit diesen Folien ja auch selbst gearbeitet habe, dass ich sie lüfte, beziehungsweise in die Lüfte hänge und das ja auch gefilmt habe. Also wo man das sehen kann. Aber nicht unbedingt in dem Sinne, dass man das in der klassischen Ausstellung macht.

JD: Vielleicht kannst du noch mal ein bisschen was zu den Begriffen erzählen. Der Saturn, der Saturnmond oder die Monde, die kommen ja in vielen Arbeiten bei dir vor. Warum? Was spielen sie für eine Rolle?

SL: Der Saturn ist tatsächlich kein Randthema in meiner Arbeit, sondern eigentlich ein zentrales Thema. Aber nicht nur er selbst als Begriff, sondern ja auch alles was zu diesem ganzen System kosmisch, wie wir‘s kennen, dazugehört. Das heißt eben auch die Ringe. Und die Ringe, denen habe ich einen eigenen Namen gegeben, nämlich Orbit. Es ist natürlich auch ein physikalisches Phänomen was man damit beschreibt. Ich nenne jetzt sozusagen die Ringe einfach mal Orbit. Und um diese Beziehung der beiden zueinander und das ganze System dreht sich, oder entfaltet sich meine Arbeit. Es geht jetzt tatsächlich nicht primär darum, den Saturn darzustellen, als kosmisches Objekt an sich, oder rauszufinden, wie er als kosmisches Objekt funktioniert, rein physikalisch, sondern es geht eigentlich eher darum, ihn stückweit motivisch aufzufassen, auch als eine Sache, die eben sehr weit in der Ferne liegt. Also eine Art maximale Ferne. Und trotzdem eine optische Erreichbarkeit, weil wir ja unglaubliche Aufnahmen vom Saturn haben, durch die Cassini-Raumsonde zum Beispiel. Diesen anregenden Moment von etwas, das unglaublich maximal fern von uns ist, aber wir optisch trotzdem so gut greifen können. Das empfinde ich als tatsächlich extrem anregend. Da ist eine Spannung und ich habe auch eine Beziehung zu der Gestalt des Rings und dieses Gaskörpers. Diese Ferne ist verbunden mit einem sehr fremden Objekt und auch einer sehr fremden Gestalt. Sich das materiell vorzustellen, wie das ganze Ding funktioniert, ist natürlich irrsinnig.

 

JD: Kommt der in allen deinen Arbeiten vor, der Saturn, oder ein Orbit?

SL: Ja, schon. Seit Anfang des Studiums. Da gab's irgendwann so einen Knackpunkt, wo sich das so aufgemacht hat. Und seitdem arbeite ich tatsächlich fast ausschließlich dazu. Das heißt jetzt nicht primär, dass es immer nur um den Saturn und um den Orbit geht, aber die sind eben sowas wie die Begleiter, oder die Kanäle, durch die alle möglichen Themen durchgehen, mit denen ich arbeite. Und dadurch werden die aber auch immer wieder reingeholt, also in den Zeichnungen zum Beispiel. Es gibt also immer wieder eine Referenz dazu.

JD: Und wie bist du darauf gekommen? Gab's da irgendwie so ein Schlüsselerlebnis, oder war der einfach immer da?

SL: Das Schlüsselerlebnis gab es nicht in dem Sinne, aber es gab eine Vorbereitung, die sehr weit zurückliegt und die ich auch nicht bewusst in der Hand hatte. Das heißt ich habe als Kind tatsächlich sehr viele Bilder konsumiert - in Büchern oder auch in Comics -, immer da wo kosmische Räume, oder Gestalten, oder Charaktere aufgetreten sind. Ich fand die einfach toll. Ich glaube da hat sich so ein imaginativer Raum aufgemacht. Der ist dann gewachsen, und auch sehr stark, und wahrscheinlich, weil ich auch ein Typ bin, der diese Phänomene viel mit Klang verbindet. Da war sozusagen auch noch eine akustische Ebene dabei. Irgendwann am Anfang des Studiums gab's einen Schlüsselmoment wo die Frage war: „Okay, nochmal. Ich studiere gerade Kunst. Viele fangen an zu malen. Hab ich auch gemacht. Erstes Studienjahr. Ist das jetzt wirklich meins?“ Das war die erste Frage und: „Warum arbeite ich jetzt eigentlich künstlerisch? Was ist jetzt eigentlich die Initiation innerlich, das zu machen? Oder was ist wirklich reizvoll, was ist da?“ Und da gab es tatsächlich zwei Schlüsselmomente. Der eine war, dass ich mir gesagt habe: „Ich schreib jetzt einfach mal alles auf, was ich beschreiben würde, wo ich das Gefühl habe das gehört irgendwie zusammen, das ist wie eine Atmosphäre.“ Und hab das über ein halbes Jahr gesammelt und da wurde mir immer deutlicher: „Mensch, da kommen jetzt wieder diese ganzen Charaktere aus der Kindheit, oder diese Attribute. Das kommt alles wieder und es verdichtet sich immer mehr.“ Das war der eine Initiationsmoment und der andere war, dass ich zuhause in meiner Badewanne Wasser eingelassen habe und ich hatte noch ganz viele Flummis, die ich mal gesammelt hatte von ganz früher und ich hatte dann diesen Moment von: „Ah ja, wenn ich die hier ins Wasser reinlege und die jetzt so rumschwimmen lasse, dann sieht das ja ein bisschen so aus wie Schwerelosigkeit. Also Planeten, die da so rumschwimmen.“ Ich habe das ausprobiert und es war ein total tolles Erlebnis. Also ziemlich trivial. Und da habe ich angefangen zu versuchen mir solche kleinen Szenen zu inszenieren, in diesem Wasser, und diese in Bewegung zu bringen und da war klar, dass ich dort weitergehe.

JD: Kommen wir vielleicht mal zu den Kunstwerken, zu der praktischen Arbeit mit der Kunst.

SG: Unsere nächste Frage bezieht sich auf den Arbeitsprozess. Wenn du ein Kunstwerk entwickelst, wie gehst du da vor? Von der Idee bis zum Kunstwerk sozusagen. Wie entsteht es?

SL: Wenn es schon eine Entscheidung gab, dass ich in eine Sache reingehen will, gibt's immer das Zeichnen oder eine Zeichnung. Wie ich zu der Zeichnung komme ist vielleicht noch wichtig. Ich würde sagen über die Jahre, habe ich bemerken und beobachten können, dass es zwei Wege gibt wie ich zu einer Zeichnung oder zum Zeichnen komme, weil ich zeichne nicht oft. Ich bin nicht Jemand, die naturstudiumsmäßig zeichnet und dann regelmäßig und viel, sondern es ist eher phasenhaft konzentriert und dann schon ziemlich entschieden. Und dazu kommt's dann entweder durch, ja, so eine affektartige Vorstellung von irgendeinem Phänomen was ich mir vorstelle, in Bezug auf den Saturn-Orbit oder wie auch immer. Ich laufe durch meinen Alltag und manchmal begegnet er mir, oder dieses Thema begegnet mir, oder ich baue Assoziationen auf und dann gibt es so eine Art affektmäßige Imagination, würde ich mal sagen. Es ist vielleicht auch sowas ähnliches wie eine Vision. Genau. Das ist dann so ein Punkt weswegen ich anfange zu zeichnen. Oder es ist so, dass ich durch das, was ich geschrieben habe zu einer Zeichnung komme. Ich schreibe eigentlich mehr als ich zeichne, über alles Mögliche, aber eben auch viel über den Saturn und den Orbit. Wo ich ihn gesehen habe, wo die mir begegnet sind, oder was ich denke was sie sind.

SG: Also über den Text näherst du dich dann letztendlich dem Motiv.

SL: Genau. Der Text ist dann ein Initiationsmoment zum Zeichnen. Bei der Zeichnung ist es dann so, dass ich diese erstmal in einem Sammelband sammle. Dann schaue ich mir das nach einem gewissen Zeitraum an und entscheide aus dem Bauchgefühl heraus: „Okay, das ist jetzt dran, das Motiv.“ Und dann nochmal: „Braucht es noch was? Ist das so schon gut? Oder bringe ich das mit einem Anderen zusammen?“ Ich arbeite auch oft so, dass ich eine Montage aus zwei oder drei verschiedenen Zeichnungen zu einer zusammenbringe. Das kann ziemlich manuell sein, das kann aber auch mit Scan und Computer passieren. Und diese fertige Variante sozusagen, übertrage ich dann in eine andere Größe. Also meist vergrößere ich sie, ich zeichne sehr klein.

SG: Sind es dann auch Zeichnungen, wie die hier hinten (zeigt an eine Wand im Atelier auf Zeichnungen)?

SL: Genau. Das sind so ganz grobe Zeichnungen in meinen Notizbüchern. Ich habe schon auch immer richtige Zeichenbücher. Das sind so die allerersten (…) Skizzen vielleicht, kann man sagen (lacht). Manchmal gehe ich dann nochmal extra in ein Zeichenbuch rein, um das präziser zu machen. Und die haben alle ungefähr so die Größe, also die werden eigentlich nicht größer als A4.

JD: Man sieht ja, im Raum hängen noch überall solche Textschnipsel an der Wand. Kommen die dann so auf die Arbeiten auch drauf? Oder sind das Arbeiten, die vielleicht demnächst entstehen? Wo du jetzt schon mal die Texte vor dir hast?

SL: Ob die demnächst irgendwo draufkommen, kann ich jetzt nicht direkt beantworten. Aber das ist definitiv ein Teil eben, von dem, was ich vorhin erzählt hatte. Dass ich schreibe und dass ich einzelne, ja, Wörter, teilweise auch einzelne Wortkreationen sogar, da rausnehme und die ein Anlass sind zu zeichnen. Oft werden daraus inzwischen eher Titel für die Arbeiten. Ich komme jetzt aber auch immer mehr dazu, dass ich sowas ausprobiere, dass die direkt beim Motiv als Teil der Zeichnung mit dabei sind.

SG: Und dann hast du jetzt die Zeichnung. Wie geht's dann weiter?

SL: Ich habe die Zeichnung und schaue dann tatsächlich: „Okay, welche Größe möchte ich, dass die hat?“ Ich drucke die wirklich auch in verschiedenen Größen aus und schaue ein bisschen: „Ist das jetzt ungefähr eher die, oder eher die Größe?“ Die ist natürlich abhängig davon, wie das Motiv ist. Auch wie das wirkt, was das braucht. Dann ist es oftmals so, dass ich das Motiv erstmal beiseitelege, wenn ich entschieden habe und mir überlege: „Okay, auf welches Material will ich das bringen?“ Und da probiere ich dann eben Sachen aus. Und weil ich halt viel mit den PVC-Weichfolien arbeite - aber eben auch mit anderen Sachen wie Aluminiumfolie, Aluminiumpapier. Jetzt sind auch so Sachen dabei wie Lacke, Pigmente, auch sowas wie Wachs oder so - und das teilweise laminiert. Ich fang eben an verschiedene kleine Materialproben anzufertigen (steht auf und holt zwei Materialproben). Zum Beispiel solche Sachen.

(alle schauen sich die Proben an)

JD: Was haben wir hier jetzt? PVC-Weichfolie?

SL: Genau. PVC-Weichfolie. Das ist Wachs mit so einer Art Plastik-Farb-Glimmerschicht (zeigt auf eine Probe) und hier das ist auch Wachs. Und das ist hier Aluminiumfolie (zeigt auf zweite Probe).

SG: Mit dem Wachs werden dann die zwei PVC-Folien auch zusammengeklebt?

SL: Ja auch, aber hier an den Rändern hauptsächlich, das ist nicht das Wachs, sondern das sind die PVC-Folien selber. Also die lassen sich eigentlich durch Hitze auch so richtig zusammen laminieren.

SG: Und womit erwärmst du das dann?

SL: Mit Bügeleisen hauptsächlich und Backpapier dazwischen, damit das natürlich nicht direkt draufkommt, weil dann verbrennt es ja und klebt dran. Was ich jetzt auch schon probiert habe ist so ein Heißluftgebläse, ein Fön, solche Geschichten. Aber es muss eigentlich immer ein anderes Material dazwischen sein, was die Wärme ein bisschen abfängt. Also wie das Backpapier zum Beispiel, wo's nicht direkt draufkommt.

SG: Und ich sehe ja hier so, da verzieht es sich so ein bisschen, hier gibt es so ein paar Reihen (zeigt auf eine Materialprobe). Das ist dann durchaus auch gewollt, nehme ich an?

SL: Ja auf jeden Fall. Obwohl, nicht immer.

SG: Steuerst du das dann richtig? Oder lässt du da den Zufall eher mitspielen?

SL: Da geht grade schon viel über Zufall, aber über diesen Zufall kriege ich natürlich mit, wie ich das Material zu verwenden habe. Da kriege ich mit, wieviel muss ich anwenden an Hitze, an welcher Stelle? Wie nah darf ich einer bestimmten Stelle kommen? Wie weit geht das Knitter dann rein? Wie kann ich das beeinflussen, dass es an der einen Stelle da ist, an der anderen Stelle eben nicht da ist? Und da bin ich dann schon auch rigoroser und will dann entscheiden an der Stelle soll's dann eben sein, an der Stelle nicht. Und mit diesen Materialproben, mit diesem kleinen Sammelsurium, ist es dann so, dass ich mit einem Motiv zusammen entscheide, welches geht mit was zusammen. Und dann wird es übertragen. Die Zeichnung wird entweder durch Siebdruck drauf gebracht, oder tatsächlich manuell mit dem Pinsel, mit Pigmenten im Acrylgemisch zum Beispiel. Und da habe ich immer groß gedruckte Vorlagen. Das wird wirklich wie abgepaust. Was natürlich gut geht bei den Transparenten, weil das Motiv immer dahinter sichtbar ist.

SG: Genau. Und dann wird es zuletzt jetzt hier im Raum, oder in der Ausstellung an die Wand gebracht. Hast du da bestimmte Fixierungsmethoden? Wie bringst du es dann an die Wand?

SL: Mit der Präsentationsmethode, oder den Methoden, bin ich noch nicht zufrieden. Es ist extrem schwierig. Es geht natürlich, dass man das so flach an die Wand bringt. Ich empfinde es jetzt auch an sich nicht als eine Sache, die gar nicht geht. Aber eigentlich ist mein Wunsch, dass die schon frei im Raum hängen. Das gestaltet sich eben tatsächlich sehr schwierig, weil die müssen straff sein, damit die auch gut hängen können und das schwebende Element auch wirklich bestehen bleibt und die nicht zusammensacken. Da habe ich bis jetzt verschiedene Methoden angewendet, das heißt eine Fixierung, die ich im Diplom benutzt hatte, war, dass ich zwei dünne Holzlatten genommen hatte, in die ich sozusagen die Folie an der Oberkante eingespannt habe. An diesen Holzlatten wiederum war eine kleine Befestigung für transparente Stricke, um das zu hängen. Das war aber trotzdem nicht so ideal, weil eigentlich möchte ich, dass an der Folie so gut wie nix dran ist, wenn die hängt. Die einzige Verbesserung, die ich dazu bis jetzt gefunden habe war ein ganz dünner Aluminiumstab, der hohl ist, den ich mit einem Streifen und dieser PVC-Weichfolie sozusagen wie eingeschmolzen habe. Und wiederum diese Röhre mit der PVC-Weichfolie noch einmal dran laminiert habe, sodass man an der oberen Kante wirklich ein eingefasstes Aluminiumrohr hat, wo dann ein Faden durchkann, ein transparenter, und das ganze Ding hängt. Aber das war extrem aufwendig und noch nicht so wirklich ideal.

SG: Und da entwickelst du noch weiter neue Ideen?

SL: Genau, genau.

SG: Kernelement ist dabei, dass das nicht zu sehen ist, oder möglichst wenig zu sehen ist?

SL: Genau, möglichst wenig. Weil diese Folien für mich tatsächlich besondere physikalische Eigenschaften haben, nämlich, die sind sehr leicht, die bewegen sich auch wirklich mit jedem Luftzug. Die haben sogar die Eigenschaft mit nicht mal so viel Wind ins Schweben zu kommen, also sich wirklich heben zu lassen. Und diese Bewegung die da drin liegt/ Also sie sind ganz anders als Stoffe, oder so. Selbst als weiche Stoffe. Die haben eine Eigenschwere, aber sie sind wirklich auch leicht. Und ich möchte - und das ist für mich auch für die Motive wichtig - dass diese physikalische Eigenschaft erhalten bleibt, wenn man sich die Bilder anschaut.

JD: Ich sehe jetzt gar nichts aufgebaut hier im Atelier für das Siebdrucken. Machst du das auch hier? Machst du das auf solchen Arbeitsplatten? Oder machst du das immer zwischendurch? Wie ist da der Ablauf?

SL: Beim Siebdrucken ist es so, das mache ich nicht hier. Also da gehe ich auch wirklich in die Siebdruckwerkstatt, weil die Motive oft recht groß sind und so große Siebe kann ich jetzt hier selber schlecht/ Also das muss sehr präzise sein. Das ist technisch sehr schlecht zu machen. Und das heißt, dass ich eben alles hier vorbereite, um dann in die Siebdruckwerkstatt zu gehen. Das heißt ganz konkret, wie das im Siebdruckprozess eben ist, man braucht eine Vorlage, selber auch auf Folie. Und ich drucke sozusagen das Motiv in der Größe, wie ich es haben will, auf so eine transparente Folie. Das muss ja lichtfest sein. Und dann wird durch diese lichtfeste Folie in der Siebdruckwerkstatt, durch einen Belichtungsapparat, dieses Motiv eben in das Sieb eingebrannt. Danach wird es ausgewaschen und dann kann ich es benutzen. Und das ist auch insofern gut, weil die Folien müssen ja sehr glatt sein, damit das überhaupt geht. Und in der Siebdruckwerkstatt gibt es große Tische, die wirklich sehr plan sind und die haben auch öfters noch mal so kleine Löcher, wo sozusagen, die Blätter - eigentlich meistens Blätter - angesaugt werden, sodass die sich nicht verschieben. Das ist für diese Folien auch nicht schlecht, weil dieser Druck ist so zart, dass die sich nicht einknittern, die bleibt relativ glatt bei diesem Druckprozess. Ich nehme dann auch die zugeschnittenen Folien in der Größe, wie ich sie haben will, mit in die Werkstatt.

JD: Man hat ja jetzt einen großen Unterschied zwischen den beiden Bildträgerarten. Also einmal dieses Transparente, die PVC-Folie und das Papier, das komplett opake, klassische sag ich mal. Lässt sich das vereinen, oder stellst du die nebeneinander aus? Ist dir beides wichtig? Dass du das in Kombination hast?

SL: Ich stelle eigentlich nicht beides aus. Ich würde sagen, die ganzen letzten Jahre war eigentlich immer der Fokus auf diesen Varianten, die dann auch auf den Folien waren. Obwohl ich nicht nur auf den transparenten Weich-PVC-Folien gearbeitet habe. Ich habe durchaus auch, wie gesagt, auf Aluminiumfolie übertragen, die glänzt stark ist aber auch opak. Auf aluminiumbeschichtetem Papier habe ich auch gearbeitet. Dass ich die nicht zusammen ausstelle, das hat für mich einen bestimmten Grund: Für mich ist eine Zeichnung auf Papier etwas sehr Intimes, Persönliches. Mir geht es in der künstlerischen Arbeit, in der Übertragung, darum, dass dieses persönliche Element erhalten bleibt, es aber nicht zu intim ist. Es muss eine gewisse öffentlichere Form haben, ein bisschen so wie ein Plakat auch eine andere Öffentlichkeitswirksamkeit hat.

JD: Ich habe mal auf der Website von dir geguckt. Da findet man ja noch andere Untergründe. Ich glaube ich hatte hier noch Blumenseidenpapier gefunden, das fand ich auch noch ganz spannend. Was ist das? Ist das eher so ein transparentes?

SL: Genau, das ist transparentes Papier. Das wird viel verwendet, um Zeichnungen einzuschlagen, die gut aufzubewahren, gerade Kohle- oder Bleistiftzeichnungen. Ich schlage selbst meine Zeichnungen darin ein, um sie aufzubewahren. Aber ich benutze es eben auch, um Zeichnungen auszuprobieren. Ähnlich wie in diesen Skizzenbüchern. Ich habe insgesamt bei den Zeichnungen das Bedürfnis, dass es ein bisschen transparent ist. Also diese Eigenschaft, dass der Raum auf dem ich zeichne, nicht so festgelegt, so hart, so flach ist. Und diese Blumenseidenpapiere benutze ich eben oft, um manuell sozusagen die Montagen meiner Zeichnungen zu machen. Das heißt da wird ein Blumenseidenpapier auf eine Zeichnung gelegt und ich kann die durchsehen und ich pause mir das Element, was ich möchte, von der Zeichnung ab und gehe dann zur nächsten Zeichnung und bringe das zueinander und probiere einfach aus. Insofern ist das da auch so ein Mittler-Element.

JD: Kannst du vielleicht abschließend noch was über deine Fotos erzählen? Da haben wir auch welche gefunden auf der Website. Fotografierst du deine Arbeiten eher dokumentarisch, oder sind das eigene Werke? Wie würdest du die einordnen?

SL: (zögert) Der Impuls ist eigentlich dokumentarisch, aber ich bin mir in dem Moment bewusst, dass hier was Bestimmtes eingefangen werden soll. Insofern sind dann die meisten Fotos, die ich da anfertige, von gewissen Momenten mit den Folien, schon wie eigene Werke. Referenzen, um sozusagen die Eigenschaften dieser Folien zu zeigen, in Abwesenheit.

JD: Also, dass die auch mal durch die Luft geschwungen werden und so flattern?

SL: Genau. Und da gibt‘s ja auch nicht nur Fotos, sondern da gibt‘s ja auch Videos dazu.

SG: Möchtest du abschließend noch was von dir aus sagen?

SL: Ich würde gern noch einmal darauf eingehen, warum ich diese Weich-PVC-Folien so interessant finde, vor allem die transparenten. Das hat sich ergeben als ich die mal im Stoffladen gefunden hatte. Da habe ich mich im ersten Moment total erinnert gefühlt an, wie soll ich sagen, (lacht) die 90er-Jahre-Ästhetik, in der ich natürlich aufgewachsen bin. Da war viel Buntes, viel Plastik und Transparenz. Und als ich meine Zeichnung da zum ersten Mal draufgebracht habe, habe ich gemerkt: „Toll, dieses Material kann ich wie ein Papier benutzen.“ Es hat diese Transparenz und vor allem etwas, das ich mit meinen Motiven, mit dem Saturn und Orbit sehr stark verbinde. Nämlich dass es schimmert, es glänzt und es verändert sich dermaßen an der Oberfläche in seinem Schimmern und Glänzen, je nachdem wie der Lichteinfall ist. Bis dahin, dass es richtig gleißend wird, wie ein Spiegel, wenn das Sonnenlicht richtig prall draufkommt, also wo sich die Zeichnung ja auch richtig auflöst im Prinzip. Das fand ich total toll. Mir kam das vor wie was lebendiges, wie flüssiges Metall vielleicht. Und was dann für mich noch umso interessanter war, dass ich mit der Zeit festgestellt habe - als ich die mit rausgenommen habe und durch das Sonnenlicht merkte wie die auf Temperatur reagieren -, dass die eben sehr temperaturempfindlich sind. Aber nicht so, dass die schmelzen, sondern die werden einfach extrem weich.

SG: Und das ist aber auch Teil deines Konzepts?

SL: Genau.

SG: Du beziehst das wirklich ein, dieses Verhalten des Materials?

SL: Ja, und so bin ich im Prinzip auch dazu gekommen das auszuprobieren, es selber zu machen. Also die jetzt zu bügeln. Das gibt mir auch die Möglichkeit verschiedene Plastikarten miteinander zu laminieren und da ganz verschiedene Optiken auszulösen. Ich hatte den Moment, wo ich dachte: „Wow, diesen Folien - finde ich - sieht man auch richtig an, dass die vom Erdöl kommen.“ Die sind wie erstarrtes Erdöl und das wird so latent auch wieder ein bisschen flüssig, wenn man darangeht, aber es wird halt nicht wieder zu Öl.

SG: Überdauert die Veränderung auch den Abschluss der Arbeit? Also, wenn du das Kunstwerk beendet hast, ist da eine weitere Veränderung gewollt? Oder endet die gewollte Veränderung zu dem Zeitpunkt?

SL: Die endet schon dort, aber ich bin mir auch bewusst, dass die Umgebung in denen sich die Folien befinden - und ich nehm die ja tatsächlich teilweise auch mit raus - einen Einfluss auf die hat. Das heißt, die verändern sich schon. Sie bleiben zum Beispiel nicht ganz glatt.

SG: Und das sollen sie auch?

SL: Ja, das sollen sie tatsächlich auch. Obwohl ich inzwischen auch Methoden entwickelt habe, wie ich die wieder ein bisschen zurück kriege. Wenn die sehr geknittert sind, dann weiß ich ungefähr, wie ich die bügeln muss. Oder da liegt ja auch viel Staub auf, ich weiß wie ich die saubermachen muss mit Wasser und trockenem Tuch, damit das alles wieder weg ist, ohne dass das Motiv abgeht. Da habe ich schon meine Methoden (alle lachen).

JD: Wann wär's dir zu verknittert? Wann ist da dieser Punkt, wo du sagst: „Nee, jetzt muss ich da was machen“?

SL: Ja, also dann wenn's/ (lacht) Ich habe da eigentlich nur noch so ein Bild vor mir. Immer dann, wenn ich das Gefühl habe, das ist wirklich wie so ein ekliger Duschvorhang (alle lachen), dann geht‘s gar nicht mehr. Dann ist so ein gewisser edler Moment einfach vergangen (alle lachen).

SG: Und wenn du das jetzt noch mal angesprochen hast mit dem veränderten Licht, dass das ja immer wieder anders aussieht. Möchtest du auch bewusst, dass es in verschiedenen Lichtverhältnissen gezeigt wird?

SL: Ja, mein Traum ist tatsächlich, dass ich die Arbeiten nicht nur klassisch zeigen kann - wie es auf den Ausstellungen ist, die abends eröffnet werden – sondern dass ich die tatsächlich auch mal bei einer Tageslichtausstellung zeigen kann, wo es einen sehr starken Sonnenlichteinfall gibt. Wo man diese Sachen halt wirklich so beobachten kann auch mit Wolkeneinflüssen, wo dann das Licht plötzlich weg ist. Das habe ich aber noch nicht gehabt. Das konnte ich bis jetzt mit diesen Filmen nur selbst machen.

SG: Dann bekommen die Filme ja dadurch dann nochmal einen besonderen Stellenwert im Ganzen.

SL: Genau.

SG: Gut.

SL: Gut.

SG: Dankeschön nochmal!

SL: Gerne!

JD: Vielen Dank!

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